Angst und Frust in der Schule

Viele Eltern erleben irgendwann, dass ihr Kind sich in der Schule schwertut und stehen vor der Frage, wie sie Angst und Frust bei Kindern in der Schule begleiten können. Manchmal zeigt sich das durch Widerstand, manchmal durch Rückzug, manchmal durch körperliche Symptome wie Bauchschmerzen oder Müdigkeit. Häufig betrifft es einzelne Fächer, erstaunlich oft Mathematik, gerade in den ersten Schuljahren, wenn der Fokus stark auf Leistung, Tempo und frühe Vergleichbarkeit gelegt wird.

Wenn ein Kind wiederholt erlebt, dass es etwas nicht versteht oder nicht so schnell mitkommt wie andere, entsteht leicht Frust. Wenn dieser Zustand länger anhält, kann sich daraus Angst entwickeln. Angst davor, wieder zu scheitern. Angst davor, beschämt zu werden. Angst davor, nicht zu genügen.

Für viele Kinder ist das eine neue Erfahrung. Sie kommen aus einer Lebensphase, in der Spiel, Entdecken und freies Lernen im Vordergrund standen und treffen plötzlich auf feste Vorgaben, Zeitrahmen und Bewertungen. Diese Umstellung ist für manche Kinder deutlich herausfordernder als für andere.

Eltern stehen dann vor der Frage, wie sie ihr Kind begleiten können, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen und ohne in eine Haltung zu rutschen, die signalisiert: So ist das Leben eben, da musst du durch.

Wenn Schule zur Belastung wird

Ein zentraler Punkt ist zunächst, wahrzunehmen, dass Schwierigkeiten in der Schule nicht automatisch bedeuten, dass ein Kind grundsätzlich nicht lernfähig ist. Oftmals zeigt sich, dass das aktuelle Setting nicht zum Entwicklungsstand, zum Lerntempo oder zu den momentanen inneren Ressourcen des Kindes passt.

Entwicklung passiert nicht linear, sondern in Wellen oder eher Spiralen, schubweise, mit Phasen scheinbaren Stillstands und Phasen rascher Entwicklung. Außerdem reifen verschiedene Bereiche des Gehirns zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Ein Kind kann sprachlich sehr weit sein und gleichzeitig große Mühe mit Zahlen haben. Ein anderes Kind kann motorisch sehr geschickt sein und sich mit abstrakten Aufgaben schwertun. Diese Unterschiede sind aus Sicht verschiedener Entwicklungszustände und individueller Stärken normal.

Wenn der schulische Rahmen wenig Spielraum für diese Unterschiede lässt, entsteht leicht innerer Druck. Dieser Druck wirkt sich nicht nur auf das Lernen aus, sondern auf das gesamte emotionale Erleben des Kindes.

Wie sich das Gehirn beim Lernen entwickelt

Aus Sicht der Gehirnforschung ist kindliche Entwicklung kein geradliniger Prozess, sondern ein fortlaufender Umbau. Im Gehirn entstehen in den ersten Lebensjahren sehr viele neuronale Verbindungen. Später werden diese Verbindungen nach und nach sortiert. Verbindungen, die häufig genutzt werden, werden stabiler. Verbindungen, die selten genutzt werden, werden wieder abgebaut.

Dieser Prozess wird von Gerald Hüther, einem Hirnforscher, gern als „Verschaltung im Gestrüpp“ beschrieben.¹ Zunächst entsteht ein dichtes Netzwerk. Erst mit der Zeit kristallisieren sich tragfähige Wege heraus. Für das Lernen bedeutet dies: Kinder verfügen nicht von Beginn an über fertig ausgebaute Netzwerke für Lesen, Schreiben oder Rechnen. Diese Netzwerke entstehen durch Erfahrung, Wiederholung, Reifung und sinnvolle Einbettung.

Mathematisches Denken braucht eventuell mehr Zeit

Mathematisches Denken gehört zu den besonders komplexen Leistungen des Gehirns. Es erfordert das Zusammenspiel mehrerer Hirnareale, unter anderem für Mengenverständnis, räumliche Orientierung, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und symbolisches Denken. Diese Systeme reifen bei Kindern unterschiedlich schnell. Ein Kind, das in Mathematik Schwierigkeiten hat, hat nicht zwingend ein Defizit. Häufig ist ein Teil der beteiligten Netzwerke schlicht noch nicht ausreichend ausgereift oder noch nicht stabil verschaltet.

Wird in dieser Phase starker Druck ausgeübt, aktiviert sich im Gehirn das Stresssystem. Unter Stress schaltet das Gehirn in einen Schutzmodus. In diesem Zustand stehen weniger Ressourcen für komplexes Denken zur Verfügung. Das bedeutet: Druck erschwert das Lernen enorm. Ein ruhiger, sicherer innerer Zustand begünstigt dagegen die Bildung neuer Verbindungen.

Warum Angst und Frust entstehen

Angst und Frust sind aus neurobiologischer Sicht sinnvolle Reaktionen.

Frust entsteht, wenn ein Ziel vorhanden ist, aber aktuell nicht erreichbar scheint.

Angst entsteht, wenn das Gehirn eine Situation als bedrohlich bewertet, zum Beispiel weil wiederholtes Scheitern erlebt wurde oder soziale Beschämung befürchtet wird.

Beides sind Signale. Keine Störungen. Keine Fehler.

Wenn ein Kind wiederholt mit Überforderung konfrontiert ist, verknüpft das Gehirn bestimmte Lernsituationen mit Stress. Schon der Gedanke an Mathe oder an die Schule kann dann ausreichen, um Anspannung auszulösen. In diesem Zustand geht es nicht um mangelnden Willen, sondern um ein Nervensystem, das Schutz sucht.

Angst und Frust bei Kindern in der Schule begleiten

bedeutet deshalb vor allem, diese Signale ernst zu nehmen und den Blick weg von Bewertung hin zu Verständnis zu bewegen.

Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen diese Zusammenhänge verstehen und sich dadurch der Blick auf diese Prozesse weitet, sodass Eltern ihre Kinder liebevoller, klarer und mit mehr Vertrauen begleiten können und dabei vielleicht ganz nebenbei auch eigenen Themen und alten Wunden begegnen dürfen, die gesehen und gehalten werden möchten.

Weg von: Mein Kind strengt sich nicht genug an.
Hin zu: Mein Kind ist gerade innerlich überfordert. Wie können wir das liebevoll unterstützend begleiten?

Was Resilienz bei Kindern wirklich bedeutet

Resilienz wird manchmal missverstanden als Fähigkeit, Belastungen möglichst stoisch zu ertragen. Aus entwicklungspsychologischer Sicht entsteht Resilienz jedoch vor allem durch Beziehungserfahrungen.

Kinder entwickeln innere Widerstandskraft, wenn sie erleben:
Meine Gefühle werden gesehen.
Meine Gefühle dürfen da sein.
Ich werde begleitet, auch wenn es schwierig ist.

Resilienz bedeutet nicht, dass ein Kind keine Angst oder keinen Frust hat. Resilienz bedeutet, dass ein Kind allmählich lernt, mit diesen Gefühlen umzugehen, ohne sich selbst zu verlieren. Dieser Lernprozess geschieht nicht allein. Er geschieht in Co-Regulation. Das heißt: Ein regulierter Erwachsener hilft einem noch nicht regulierten Kind, wieder in einen ruhigeren Zustand zu finden.

Lernen im eigenen Tempo ermöglichen

Blockaden können sich lösen, wenn äußerer Druck reduziert wird.

In meinem eigenen Erleben mit meinem Kind war es so, dass sich im Bereich Mathematik eine massive Blockade aufgebaut hatte. Irgendwann ging gar nichts mehr, obwohl zuvor durchaus Interesse vorhanden gewesen war.

Der Wendepunkt kam erst, als mein Kind für längere Zeit aus dem Leistungsdruck herausgenommen werden konnte und im Mathematikunterricht etwas völlig anderes tun durfte. Über viele Monate durfte Lernen in dieser Zeit vor allem Zeichnen sein. Erst als das innere System wieder zur Ruhe kommen konnte und durch das stille Beobachten und sanfte Begleiten der Lernbegleiter langsam Vertrauen wuchs, zeigte sich die intrinsische Motivation ganz von selbst wieder. Mit dieser inneren Bewegung kam dann auch die Bereitschaft, sich den Zahlen zuzuwenden. Still. Von innen heraus.

Und ja, es brauchte danach noch ein weiteres Jahr, um das Verpasste aufzuarbeiten. Doch getragen von der eigenen Motivation, den Lernbegleitern und den anderen Schülern war das Durchhaltevermögen groß.

Ich weiß, dass wir in dieser Zeit in vielerlei Hinsicht eine sehr privilegierte Situation hatten und dass solche Rahmenbedingungen längst nicht überall möglich sind. Und gleichzeitig habe ich erlebt, dass es Kindern oft schon sehr viel hilft, wenn Eltern den äußeren Druck nicht zusätzlich verstärken, wenn sie nicht in Panik geraten und keine schweren Zukunftsbilder über eine Situation legen, die möglicherweise gar nicht so viel braucht.

Angst und Frust bei Kindern in der Schule begleiten

heißt in diesem Sinne auch, innerlich ruhig zu bleiben und Vertrauen in Entwicklungsprozesse zu kultivieren.

Manchmal genügt es, da zu sein, Vertrauen zu halten und dem Prozess Zeit zu geben. Ich habe selbst die ersten Jahre anders reagiert, aus Sorge, aus Hilflosigkeit, aus dem Wunsch heraus, es irgendwie richtig zu machen. Rückblickend sehe ich, dass ich damit die Blockade eher verstärkt als gelöst habe. Dieses Beispiel zeigt, dass Lernen nicht erzwungen werden kann. Lernen ist ein innerer Prozess. Äußere Strukturen können ihn unterstützen oder behindern, aber sie können ihn nicht ersetzen.

Der Blick auf dich als Mutter oder Elternteil

An dieser Stelle verschiebt sich der Fokus. Weg von der Frage: Wie bringe ich mein Kind dazu, besser zu funktionieren. Hin zur Frage: Wie kann ich mein Kind so begleiten, dass es sich innerlich sicher fühlt. Das ist eine andere Kompetenz. Und sie beginnt nicht beim Kind, sondern bei uns selbst.

Angst und Frust bei Kindern in der Schule begleiten: Was Eltern konkret tun können

Eine zentrale Kompetenz ist emotionale Selbstregulation. Das bedeutet nicht, immer ruhig zu bleiben. Es bedeutet, die eigenen Gefühle wahrnehmen zu können, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Wenn dein Kind Angst hat, berührt das fast immer auch deine eigene Angst.
Angst, dass es nicht mitkommt.
Angst, dass es später Nachteile hat.
Angst, etwas falsch zu machen.

Diese Gefühle sind menschlich. Der Unterschied liegt darin, ob sie unbewusst dein Handeln steuern oder ob du sie innerlich wahrnehmen und halten kannst.

Eine weitere wichtige Kompetenz ist Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen auszuhalten.
Dass etwas im Moment nicht gelöst ist.
Dass du nicht weißt, wie sich der Weg entwickeln wird.
Dass es keine schnelle Lösung gibt.

Diese Fähigkeit wächst nicht über Nacht. Sie wächst durch Bewusstheit.

Wie du es “aushalten” kannst

Aushalten bedeutet nicht, nichts zu tun. Aushalten bedeutet, innerlich präsent zu bleiben, auch wenn es unbequem ist.

Hilfreiche Fragen können sein:
Was löst die Situation meines Kindes in mir aus?
Welche Geschichte erzählt mein innerer Anteil gerade?
Welche Erfahrungen aus meiner eigenen Schulzeit werden berührt.? 

Viele Eltern tragen eigene Verletzungen aus ihrer Schulzeit in sich. Gefühle von Nichtgenügen. Beschämung. Überforderung. Alleingelassen-Sein. Wenn diese Erfahrungen unbewusst aktiviert werden, vermischen sie sich leicht mit der aktuellen Situation des Kindes. Systemisch betrachtet lohnt es sich sehr, diese eigenen Themen anzuschauen, um innerlich freier zu werden. Diese innere Klärung verändert nicht automatisch den Lernweg deines Kindes. Aber sie verändert deine Begleitung. Und das hat große Wirkung.

Deine Präsenz wird ruhiger.
Deine Reaktionen werden bewusster.
Dein Kind spürt mehr Sicherheit.

Umgang mit Pädagogen

Auch im Kontakt mit Lehrkräften hilft eine innere Klärung. Wenn du innerlich klar bist über die Bedürfnisse deines Kindes und über deine eigene Haltung, kannst du Gespräche ruhiger führen. Nicht im Modus von Kampf. Sondern im Modus von Kooperation.

Du darfst Fragen stellen.
Du darfst Entwicklungszeit einfordern.
Du darfst dein Kind beschreiben, nicht verteidigen.

Zum Beispiel:
Mein Kind ist im Moment schnell überfordert.
Mein Kind braucht mehr Zeit.
Mein Kind lernt besser ohne Druck.

Nicht jede Schule kann darauf flexibel reagieren. Das ist leider Realität. Und gleichzeitig kannst du prüfen, wo kleine Spielräume oder Veränderungen möglich und nötig sind.

Was im Alltag unterstützen kann

Regelmäßige kurze Gespräche, in denen dein Kind erzählen darf, ohne dass sofort Lösungen gesucht werden.

Rituale, die das Nervensystem beruhigen, zum Beispiel gemeinsames Atmen, Körperkontakt, ruhige Bewegung.

Buchempfehlung: Nur Mut. Das kleine Überlebensbuch. Soforthilfe bei Herzklopfen, Angst, Panik und Co. 

Eine klare Trennung zwischen Üben und Beziehung. Dein Kind darf wissen und spüren: Unsere Beziehung hängt nicht von deiner schulischen Leistung ab.

Und immer wieder der innere Satz an dich selbst: Ich begleite mein Kind so gut ich kann.

Ein abschließender Gedanke

Kinder müssen nicht möglichst früh möglichst viel können. Sie müssen sich in erster Linie sicher fühlen. Sicherheit entsteht in Beziehung. Wenn du bereit bist, dich selbst mit ins Feld zu nehmen, deine eigenen Gefühle wahrzunehmen und deine eigenen Prägungen anzuschauen, dann schaffst du bereits einen Raum, in dem Entwicklung möglich wird. Vielleicht ist das einer der stillsten und zugleich wirksamsten Beiträge, die Eltern leisten können. Angst und Frust bei Kindern in der Schule begleiten beginnt oft genau hier.

Möglicherweise weitet sich an dieser Stelle der Blick noch einmal ein Stück. Weg von einzelnen Methoden, einzelnen Schulen oder einzelnen Wegen. Hin zu der größeren Frage, welche Räume wir Kindern insgesamt zur Verfügung stellen. Welche Qualität von Beziehung sie erleben dürfen. Welche Atmosphäre sie umgibt. Denn jenseits aller individuellen Entscheidungen berührt all das etwas Grundsätzliches, das ein Hirnforscher, Gerald Hüther, so formuliert hat:

„Aber das, worauf es wirklich ankommt, damit dieser komplizierte Entwicklungsprozess im Gehirn möglichst vieler Kinder gelingt, können Hirnforscher nicht: Sie können die Verhältnisse nicht ändern, unter denen Kinder aufwachsen. Dies bleibt eine gesamtgesellschaftliche und politische Aufgabe. Die Rahmenbedingungen, unter denen Kinder in unsere Gesellschaft hineinwachsen, sind so zu verändern, dass sie sich stärker als bisher emotional geborgen, erwünscht und angenommen, aber auch ermutigt, herausgefordert und angeregt fühlen. Die entscheidende Frage richtet sich also an uns alle: Sind wir die, bei denen man lieben, streiten, arbeiten, genießen, denken, fühlen, singen und Vertrauen zu sich und zu einer lebenswerten Zukunft lernen kann.“
Gerald Hüther

1 Quelle: Verschaltungen im Gestrüpp: kindliche Hirnentwicklung | Frühkindliche Bildung | bpb.de

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