Warum Mütter oft die emotionale Last aller tragen und wie du dich davon befreien kannst
Ein ganz normaler Tag
Morgens stehst du auf, machst Frühstück, suchst Socken und erinnerst an Sportsachen. Ein Kind hat keine Lust auf Schule und braucht liebevolle Motivation, das andere ist wütend, weil das Riesenkuscheltier nicht mit in die Kita darf. Du begleitest den Wutanfall, atmest tief, versuchst ruhig zu bleiben, obwohl du innerlich schon den Zeitdruck fühlst. Nachdem die Kinder verabschiedet sind, fährst zur Arbeit. Kaum angekommen, erzählt dir die Kollegin von einem Streit mit dem Chef. Du hörst zu, machst einen kleinen Scherz, um sie aufzuheitern. Dann noch schnell einkaufen. Während du an der Kasse alles aufs Band legst, ruft deine Schwiegermutter an. Sie klagt über Nachbarn, Einsamkeit und alte Geschichten. Du hörst zu und reguliert ihre Gefühle, weil du weißt, dass sie sonst niemanden hat. Auf dem Rückweg holst du die Kinder ab. Sie reden durcheinander, erzählen von Streit und Freundschaft, und du denkst nebenbei an Hausaufgaben, Abendessen und Wäsche. Du fühlst dich schlecht, weil du ihnen nicht deine hundertprozentige Aufmerksamkeit schenken kannst. Zuhause kommt dein Partner heim, erschöpft und besorgt über die Arbeit. Du möchtest ihn entlasten, Mut machen, Ruhe bringen und regulierst seine Gefühle.

Und so sitzt ihr am Abendbrottisch. Alle reden, alle fühlen, und du merkst:
Du bist leer.
Nicht, weil du zu viel getan hast, sondern weil du den ganzen Tag Gefühle getragen hast, die gar nicht deine waren.
Was ist Emotional Load?
Emotional Load ist ein Teil des bekannten Mental Load, aber er betrifft nicht die Organisation des Familienalltags – sondern die emotionale Verantwortung. Diese emotionale Last zeigt sich, wenn du Spannungen spürst, bevor sie ausgesprochen werden. Wenn du dich verantwortlich fühlst, Harmonie herzustellen, Streit zu vermeiden, Tränen zu trocknen – auch und vor allem bei Erwachsenen in deinem Umfeld. Zum Beispiel spürst du, dass dein Partner gereizt ist, und versuchst automatisch, ihn zu beruhigen. Oder du spürst, dass deine Mutter enttäuscht ist, und erklärst dich, um die Beziehung zu retten. Kurz gesagt: Du regelst die Stimmung, bevor der Andere sie selbst überhaupt wahrnimmt.
Das ist eine Form der Anpassung, die viele von uns aus Notwendigkeit früh gelernt haben. Diese Menschen wuchsen in Familien auf, in denen emotionale Verantwortung ungleich verteilt war. Zum Beispiel, bei:
- Eltern, die ihre Gefühle nicht regulieren konnten,
- Eltern, die in einer dysfunktionalen Beziehung blieben und das Kind zwischen sich stellten,
- Alkoholmissbrauch oder andere Belastungen, bei denen Kinder oft zu „kleinen Erwachsenen“ werden mussten,
- Eltern, die emotional nicht erreichbar waren oder ihre Kinder zu Vertrauten machten.
Wenn du als Kind gelernt hast, Stimmungen zu lesen, bevor sie gefährlich wurden – dann war das eine sehr schlaue Überlebensstrategie. Heute, als Erwachsene, steht dir diese wunderbare Fähigkeit immer noch zur Verfügung. Sie ist super wertvoll, aber sie kann zur Last werden, wenn du sie unbewusst anwendest.
Woher kommt diese Last?
Ein Teil davon ist gesellschaftlich:
Wir wachsen mit dem Bild auf, dass Frauen Beziehungen zusammenhalten.
Dass Harmonie „weiblich“, Streit „unsympathisch“ und Wut “böse” ist.
Früh lernen wir: „Wenn ich lieb und verständnisvoll bin, bin ich sicher.“
Harmonie scheint sicherer als Authentizität.
Auch Rollenbilder wirken stark. Zum Beispiel dieses:
„Mütter sind das emotionale Zentrum der Familie.“
Das kann schön sein UND auch ein stiller Druck. Denn was, wenn dieses Zentrum nie Pause hat oder das Gefühl, komplett allein verantwortlich zu sein für die emotionale Ausgeglichenheit aller Familienmitglieder?
Und dann sind da noch die alten Muster:
Wenn du als Kind oft zwischen deinen Eltern vermittelt hast oder für gute Stimmung gesorgt hast, dann wird dein Nervensystem das als „normal“ abgespeichert haben. Heute wiederholst du dieses Verhalten vielleicht in der Beziehung mit den Schwiegereltern oder im Freundeskreis. Solange es dich nicht belastet, ist alles ausgeglichen und gut. Emotional load besteht, wenn ein Ungleichgewicht herrscht und dich die Verantwortung zu erdrücken scheint.
Emotionale Verantwortung: Was ist deine – und was nicht?
Deine Verantwortung beginnt dort, wo du Einfluss hast: bei dir selbst. Deine Aufgabe ist es, deine eigenen Gefühle wahrzunehmen, sie zu benennen, und zu lernen, sie zu regulieren, mit ihnen umzugehen, sie fließen zu lassen. Wenn du das (noch) nicht kannst, ist das kein Versagen. Es ist der Weg, den viele von uns erst als Erwachsene gehen.
Nochmal, weil ich es so zentral wichtig finde:
Dein Feld ist deine Verantwortung. Deine Kinder lernen durch dein Vorleben, kaum durch Erklärungen. Darum: Arbeite zuerst mit dir – nicht an anderen.
Nicht deine Verantwortung sind die Gefühle deines Partners, deiner Eltern, deiner Schwiegereltern, deiner Freunde und auch nicht die deiner Kinder. Nur brauchen die, im Unterschied zu den Erwachsenen, dein Dasein, dein Vorleben und ggf. deine Unterstützung beim Erlernen dieser Fähigkeiten.
Ich wurde dafür verantwortlich gemacht, dass die Beziehung der Großeltern zu meinen Kindern – ihren Enkeln – schwierig sei, weil ich in den ersten Jahren Zuckerfreiheit eingefordert habe. Ich zeigte ihnen viele Alternativen für Naschi-Geschenke. Statt an ihrer Beziehungsfähigkeit zu arbeiten, entschieden sie sich, mich für die distanzierte Beziehung verantwortlich zu machen. Bemerke: Sie sind erwachsen. Sie können lernen, Verbindung aufzubauen. Es ist nicht meine Aufgabe, ihre Beziehungen zu reparieren, zu erhalten oder zu managen. Für meine Kinder macht mich das sehr traurig. Leider kann ich ihnen keine perfekten Großeltern herbei zaubern, auch wenn ich das sehr gern tun würde.
Erwachsene dürfen den Umgang mit Gefühlen, anderen Menschen und Beziehungen selbst lernen. Du bist nicht die Therapeutin deines Partners oder der Großeltern. Du kannst dich entscheiden, das weiter zu tun, dann sei dir des Preises bewusst, den du zahlst. Es kostet dich: Raum für dich, für deine Bedürfnisse und damit einen Teil der echten Beziehung zu deinen Kindern.
Beziehungen unter Druck: Wenn Mütter zu Puffern werden
Dein Partner ist genervt von seinen Eltern. Er möchte sich zurückziehen und sie einfach nicht mehr anrufen. Du versuchst, ihn zu regulieren. Erinnerst ihn an Anrufe und möchtest Frieden stiften. Bald rufen die Eltern dich an, damit du ihn erinnerst, regulierst oder ihn “zur Vernunft bringst”. Und plötzlich stehst du dazwischen – als emotionale Brücke, als Puffer, den beide Seiten brauchen, um sich überhaupt zu begegnen.
Diese Rolle wird dich tief erschöpfen. Du leistest emotionale Arbeit, die niemand sieht, niemand ausgleicht und selten jemand dankt. Wenn du keinen inneren Ausgleich bekommst – keine Anerkennung, keinen Raum, keine Entlastung – entsteht Emotional Load.
Fühl mal hinein: Wie oft versuchst du, Stimmungen zu verändern, die gar nicht aus dir kommen?
Emotionale Verantwortung neu verstehen
Lass uns gemeinsam lernen, die emotionale Verantwortung neu zu verstehen!
Verantwortung bedeutet nicht Last. Sie bedeutet Bewusstsein.
Wenn du dich um deine eigenen Gefühle kümmerst, lernst mit ihnen umzugehen, zeigst du deinen Kindern, dass Emotionen da sein dürfen. Das sie normal, gesund und handlebar sind. Das ist emotionale Bildung – nicht durch Worte, sondern durch vorleben.
Wut – der unwillkommene Gefährte
Wut ist ein gutes Beispiel.
Fast alle Menschen haben gelernt, dass Wut „schlecht“ ist.
Dass man sie verstecken, runterschlucken, kontrollieren muss.
Aber Wut ist ein Gefühl wie jedes andere. Wut zeigt, dass ein Bedürfnis übergangen wurde.
Wenn du lernst, deine eigene Wut zu spüren, zu fließen zu lassen und auszudrücken, ohne sie auf andere zu richten, lernt dein Kind, dass Wut nicht gefährlich, sondern lebendig ist.
Vielleicht kennst du Situationen, in denen du innerlich gekocht hast, aber ruhig geblieben bist, das heißt die Wut unterdrückt hast, bis 10 gezählt hast – fünfzig Mal und am Ende bist du doch explodiert.
Wut darf da sein, aufsteigen und weiter fließen – ohne zerstörerisch zu werden.
Wie du beginnst, den Emotional Load loszulassen
Emotional frei – für dich und deine Kinder
Wenn du beginnst, den Emotional Load loszulassen und erkennst, welche Gefühle wirklich zu dir gehören, dann entsteht Raum. Raum für dich, für echte Begegnung, für Nähe ohne Erschöpfung. Unsere Kinder spüren sofort, wenn wir echt sind. Sie lernen, wie man mit Gefühlen lebt, weil du es vorlebst. Deine emotionale Freiheit ist das größte Geschenk, das du ihnen machen kannst.
Du musst nicht alle Emotionen halten. Nur deine – und das reicht, um die Welt deiner Familie zu verändern


