Elternsein ist manchmal schwer

Es gibt diese Momente, in denen du eigentlich weißt, wie du reagieren möchtest, und trotzdem passiert etwas ganz anderes in dir. Dein Kind weint mitten in der Nacht, schon wieder, und anstatt der Ruhe, die du dir wünschst, spürst du eine Welle aus Hilflosigkeit oder sogar Wut, die dich selbst erschreckt. Oder dein Kind sucht Nähe, klammert sich an dich, will getragen, gehalten, gesehen werden, und in dir entsteht kein warmes Gefühl, sondern etwas, das sich anfühlt wie Überforderung, fast wie Enge. Danach kommt oft die Scham. Was ist bloß los mit mir, dass ich so reagiere, obwohl mein Kind doch nur das tut, was Kinder eben tun.

Wenn du solche Momente kennst, möchte ich dich einladen, für diesen Artikel innezuhalten und mit mir eine andere Perspektive zu betrachten. Denn was in dir geschieht, hat oft sehr wenig mit deinem Kind im Hier und Jetzt zu tun und sehr viel mit einer Geschichte, die viel früher beginnt. Mit deiner eigenen. In diesem Text schauen wir gemeinsam auf sogenannte generationale Prägungen, also auf Muster, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, und auf frühe Trennungserfahrungen und ihre Wirkung, die bis in dein heutiges Erleben als Mutter oder Vater hineinreichen können.

Der Widerstand, den du nicht erklären kannst

Das eigene Kind zu begleiten, ist alles andere als leicht, auch wenn wir uns das oft anders vorgestellt haben, bevor wir selbst Eltern wurden. Und manchmal sind es gerade die kleinen, alltäglichen Situationen, die einen inneren Widerstand in uns auslösen, der in keinem Verhältnis zur eigentlichen Situation zu stehen scheint. Der schlechte Schlaf zum Beispiel. Warum macht er dich manchmal so hilflos, so dünnhäutig, so wütend, obwohl du doch weißt, dass Babys und kleine Kinder nachts aufwachen, weil das ihrer Entwicklung entspricht?

Wenn Wut und Hilflosigkeit größer sind als die Situation selbst

Diese Frage lässt sich nicht allein mit fehlendem Schlaf oder mit Erschöpfung beantworten, auch wenn beides natürlich eine Rolle spielt. Oft steckt dahinter etwas Tieferes. Unser Nervensystem reagiert nicht nur auf das, was gerade passiert, sondern auch auf das, was wir früh in unserem eigenen Leben über Nähe, Trost und Gehaltenwerden gelernt haben. Wenn eine aktuelle Situation eine alte, unbewusste Erfahrung berührt, kann die Reaktion sehr viel größer ausfallen, als es die gegenwärtige Situation eigentlich rechtfertigen würde. Das ist kein Zeichen von Schwäche und schon gar nicht von schlechter Elternschaft. Es ist ein Hinweis darauf, dass dort etwas auf Beachtung wartet.

Eine kurze Reise zurück in die Zeit deiner eigenen Geburt

Um zu verstehen, woher dieser Widerstand kommen kann, lohnt sich ein Blick zurück, in die Zeit, in der du selbst geboren wurdest. Bist du in den 80er oder 90er Jahren zur Welt gekommen, dann bist du in eine Zeit hineingeboren worden, in der Nähe zwischen Mutter und Kind kein selbstverständlicher Standard war, so wie wir das heute zunehmend verstehen. Genau in dieser Zeit liegen oft die frühen Trennungserfahrungen, die bis heute nachwirken, auch wenn sie längst vergessen scheinen.

Nähe war damals kein Standard

Auch deine eigene Mama wurde damals nicht immer gefragt, was sie in dieser sensiblen Zeit braucht. Viele Frauen wurden über die Vorgänge rund um Geburt und Wochenbett kaum aufgeklärt. Manche wurden bei medizinischen Eingriffen kaum einbezogen, manche mit ihren Schmerzen weitgehend allein gelassen. Das war nicht die individuelle Schuld einzelner Menschen, sondern Ausdruck eines medizinischen und gesellschaftlichen Systems, das Bindung und emotionale Bedürfnisse noch nicht in dem Maße verstanden hat, wie wir es heute tun.

Die ersten Stunden ohne deine Mama

Kurz nach deiner Geburt wurdest du möglicherweise von deiner Mama getrennt und lagst mit anderen Neugeborenen zusammen in einem Säuglingszimmer. Gerade eben war da noch die Wärme ihres Körpers, ihre Geborgenheit, der vertraute Rhythmus ihres Herzschlags, den du monatelang gehört hattest. Und dann, ganz plötzlich, war alles hell, kalt und fremd. Gestillt wurdest du vermutlich nicht nach Bedarf, sondern nach einem festen Zeitplan mit der Flasche, die dich satt machen sollte, denn die nächste Mahlzeit gab es oft erst nach vier Stunden, unabhängig davon, ob du gerade Hunger oder einfach Nähe gebraucht hättest.

In den Stunden dazwischen lagst du ohne deine Mama im Zimmer. Wenn du geweint hast, hörte dich manchmal eine Schwester, und manchmal kam eine ganze Weile lang niemand.

Wie ein Baby lernt, keine Antwort mehr zu erwarten

Man sagte damals oft, dass Schreien die Lungen kräftigt, und ließ Babys deshalb bewusst länger weinen, ohne sie zu trösten. Was in dieser Zeit tatsächlich geschah, war etwas anderes. Wenn ein Baby immer wieder die Erfahrung macht, dass sein Weinen keine verlässliche Antwort bekommt, wird es nach einer Weile stiller, nicht weil es sich beruhigt hat, sondern weil es beginnt, keine Antwort mehr zu erwarten. Zu Hause hast du dann vielleicht viel geschlafen, und Besuch fand, du seist ein besonders braves Baby. Deine Eltern erinnern sich vielleicht daran, dass sie nie Probleme mit deinem Schlaf hatten.

„Es hat mir nicht geschadet.“ Und trotzdem spürst du etwas

Du bist ein Millennial, heißt es dann oft. Du hast als Baby gut geschlafen, und es hat dir nicht geschadet, sagen sie. Vielleicht hast du diesen Satz selbst schon oft gehört, von deinen Eltern, von deiner Generation, vielleicht sogar von dir selbst, wenn du versucht hast, deine eigenen Reaktionen zu verstehen.

Und trotzdem spürst du bis heute innere Widerstände, die sich nicht einfach wegargumentieren lassen. Das eigene Kind zu begleiten, ist alles andere als leicht, und die Fragen bleiben. Warum macht dich der schlechte Schlaf so hilflos und wütend? Warum fühlt sich Nähe manchmal wie Überforderung an, obwohl du dir doch nichts sehnlicher wünschst, als für dein Kind da sein zu können?

Vielleicht hat es dir wirklich nicht in dem Sinne geschadet, dass du heute nicht funktionsfähig wärst. Du bist erwachsen geworden, du gehst deinen Weg, du kümmerst dich liebevoll um dein Kind. Und vielleicht hast du gleichzeitig sehr früh gelernt, mit dem allein zu bleiben, was eigentlich Trost gebraucht hätte. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Was dein Nervensystem sich damals gemerkt hat

Unser Nervensystem ist von Geburt an darauf ausgelegt, aus Erfahrungen zu lernen, welche Reaktionen in bestimmten Situationen sinnvoll und sicher sind. Ein Baby, das wiederholt die Erfahrung macht, dass Weinen keine verlässliche Reaktion nach sich zieht, entwickelt sehr früh eine Form der Anpassung, die aus der Not heraus entsteht. Diese Anpassung ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine körperliche Prägung, die weit vor dem Beginn des bewussten Erinnerns liegt. Genau deshalb lässt sie sich später auch nicht einfach mit dem Verstand auflösen, so, wie man ein Problem analysiert und dann eine Lösung findet.

Wenn dein eigenes Kind heute weint, kann dieses Weinen unbewusst genau jene frühe Erfahrung in dir berühren, bei der niemand da war, um dich zu halten. Dein Körper reagiert dann nicht nur auf das aktuelle Geschehen, sondern auch auf das, was damals nicht gehalten wurde. Das erklärt, warum manche Reaktionen so intensiv ausfallen können, dass sie dich selbst überraschen. Es ist kein Versagen deinerseits. Es ist ein sehr altes Muster, das gerade sichtbar wird, und es zeigt, wie tief frühe Trennungserfahrungen und ihre Wirkung bis in unseren Elternalltag hineinreichen können.

Die Hypothek, die du nicht selbst aufgenommen hast

Man könnte sagen, dass du eine Art Hypothek trägst, die nicht du selbst aufgenommen hast, sondern die dir aus einer anderen Zeit mitgegeben wurde. Jetzt, als Mutter oder Vater, stehst du vor der Aufgabe, diese Hypothek Stück für Stück abzutragen, nicht aus Pflichtgefühl, sondern damit dein eigenes Kind nicht weitertragen muss, was eigentlich nie ihm gehören sollte und was ursprünglich auch nicht dir hätte gehören müssen.

Das klingt nach einer großen Aufgabe, und in gewisser Weise ist sie das auch. Gleichzeitig ist es keine Aufgabe, die du perfekt lösen musst. Es reicht, wenn du beginnst, hinzuschauen. Wenn du dir erlaubst zu verstehen, dass deine Reaktionen eine Geschichte haben, die älter ist als dein Kind, und dass diese Geschichte Raum und Mitgefühl verdient, anstatt Selbstkritik.

Was es bedeutet, diesen Kreislauf behutsam zu unterbrechen

Resilienz entsteht nicht dadurch, dass ein Mensch nie schwierige Erfahrungen macht. Sie entsteht dadurch, dass ein Mensch die Erfahrung machen darf, in schwierigen Momenten nicht allein zu sein. Genau das kannst du deinem Kind heute geben, auch wenn es dir selbst früher nicht in diesem Maße gegeben wurde. Jedes Mal, wenn du bei deinem weinenden Kind bleibst, auch wenn es dich innerlich etwas kostet, schreibst du eine neue Erfahrung in eure gemeinsame Geschichte.

Das bedeutet nicht, dass du in jedem Moment ruhig und reguliert sein musst. Emotionsregulation entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch die Bereitschaft, immer wieder zurückzufinden zu dir selbst, auch nachdem du überfordert warst. Kinder brauchen keine Eltern ohne Reaktionen. Sie brauchen Eltern, die lernen, mit ihren eigenen Reaktionen liebevoll umzugehen, in ihrem eigenen Tempo, ohne Druck und ohne das Gefühl, alles auf einmal verändern zu müssen.

Vielleicht magst du dir am Ende dieses Textes einen Moment Zeit nehmen und dich fragen, welche der beschriebenen Erfahrungen dich berührt haben. Nicht um sofort etwas zu verändern, sondern einfach, um wahrzunehmen, was in dir mitschwingt. Denn genau dieses Wahrnehmen ist bereits der erste Schritt, um die eigene Geschichte behutsam zu Ende zu erzählen, damit dein Kind eine neue beginnen kann.

Manchmal reicht dieses Wahrnehmen für den Moment schon aus. Und manchmal öffnet sich dabei auch etwas, das nach mehr Raum verlangt, als ein einzelner Text geben kann. Falls beim Lesen Fragen oder Themen in dir aufgetaucht sind, die weiterreichen, die vielleicht schon länger in dir mitschwingen und jetzt sichtbarer geworden sind, darfst du wissen, dass du damit nicht allein bleiben musst. In unserer Beratung schauen wir gemeinsam und in deinem Tempo darauf, was gerade ansteht, ganz ohne Druck und ohne dass du bereits wissen musst, wonach du eigentlich suchst. Wir nehmen uns gemeinsam die Zeit herauszufinden, ob und wie wir dich auf diesem Stück deines Weges begleiten können.

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